Aufklärung und Neuanfang

Das Interesse der Crailsheimer Bürger und der Medien war enorm: Sie erlebten eine Sitzung in sachlicher Atmosphäre. Foto: Butz

Sondersitzung zum Waffenklau: Verwaltung und Gemeinderat auf gemeinsamem Weg

 

Der „Pulverdampf” ist verraucht: Verwaltung und Gemeinderat haben am Dienstagabend klar bekundet, dass sie gemeinsam eine sachliche Aufklärung des Waffenklaus und einen Neu­anfang im Rathaus wollen.
Der Waffenklau und die Folgen, insbesondere der Verkauf von Waffen durch das Ordnungsamt bis in jüngere Zeit ist ein Thema, dass die Medien und die Bevölkerung gleichermaßen beschäftigt: In den Rathaussaal waren  am Dienstagabend zur Sondersitzung des Gemeinderates rund 170 Zuschauer lange vor Sitzungsbeginn gekommen.Viele zeigten sich in ersten Interviews erleichtert, dass die Verwaltung unter Leitung von Bürgermeister Herbert Holl und die Fraktionen zu einer sachlichen gemeinsamen Linie gefunden haben. Holl ist nach der am 25. Juni überraschend erfolgten Rücktrittsankündigung und Krankschreibung von Ober­bür­ger­meister Raab und wegen der langen Genesungsphase nach einer Operation des Ersten Bürgermeisters Harald Rilk oberster Dienst­herr im Rathaus.


Die Tragweite des Waffendiebstahls sei nicht absehbar, hier dürfe nichts verharmlost werden, erklärte Holl, vor allem, wenn man bedenke, was mit den Waffen alles geschehen könne. Daher müsse sachlich und ohne Emotionen alles zur Aufklärung des Ein­bruchdieb­stahls unternommen werden. Gleichzeitig müsse alles nach mensch­lichem Ermessen Mögliche getan werden, damit künftig ein Waffendiebstahl aus dem Rathaus verhindert wird. Entsprechendes sei veranlasst.


Klar ist für Herbert Holl und den Gemeinderat auch: Für die Stadt und für die Verwaltung ist ein Image- und Vertrauensverlust  entstanden: „Wir haben hier ein Problem!” Deshalb sei ein Neuanfang im Rathaus organisatorisch und personell notwendig – zumal das Ordnungsamt bekannt dafür sei, betonte UGL-Fraktionschef Wilfried Kraft, dass es bei Fehlern von Bürgern äußerst penibel reagiert habe. 


Die Umsetzung des Ordnungsamtsleiters auf die neue  Stelle eines kaufmännischen Leiters im Baubetriebshof hat Holl in eigener Zuständigkeit bereits veranlasst. Nachfolger im Fachbereich „Ordnung und Bürgerdienste” wird der bisherige Leiter des Fachbereichs „Revision”, der sich damit ausdrücklich einverstanden erklärt hat.


Es liegt in der Natur der Sache, dass längst nicht alle Fakten zum Waffenklau an Fronleichnam bzw. in der Nacht zum folgenden Tag lü­ckenlos aufgeklärt sind oder dass Täterwissen bekannt gemacht wird, so Bürgermeister Holl. Klar ist ebenso, dass sicher­heits­relevante Details öffentlich nicht dargelegt werden. Erst wenn die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Ellwangen und der aufgestockten  Sonderkommission der Haller Polizei abgeschlossen sind, stellt sich das disziplinarrechtliche Thema, erklärte Herbert Holl zu Beginn der Sondersitzung. Auch die aus dem Beamtenrecht resultierende Fürsorgepflicht gegenüber Mitarbeitern im Rathaus sei zu beachten.


Ein wesentlicher Punkt sei die  emotionale Ebene, die durch die Rücktrittsan­kün­digung von Oberbürgermeister Raab entstanden sei und „vielleicht nur indirekt mit dem Waffendiebstahl zu tun hat”. Er bat darum, hier zu respektieren und zu differenzieren.


Ein umfangreicher sachlicher Fragenkatalog der SPD (siehe Seite 3), die die Sondersitzung im Einvernehmen mit der AWV beantragt hatte,  wird von der CDU und der UGL mitgetragen. Natürlich blieb die politische Bewertung der Vorgänge nicht aus:
SPD-Fraktionschef Manfred David: „Uns fehlen die Worte – Sprachlosigkeit und Kopfschütteln überall... Nun auch noch ein Ordnungsamtsleiter als Waffenhändler und der direkte Vorgesetzte und Oberbürgermeister weiß von nichts...” Bagatellisieren oder alles Kleinreden (Zitate von Oberbürgermeister Raab: „allenfalls leichte Fahrlässigkeit”; „Sache zu hoch bewertet”) sei total fehl am Platz: Der Stadt sei ein unermesslicher Schaden zugefügt worden, erklärte David.  Einen Rücktritt des Oberbürgermeisters aus gesundheitlichen Gründen hätte jeder akzeptiert, nicht aber einen Rücktritt im Rahmen seiner politischen Verantwortung erst weit nach dem Volksfest: „Konsequent wäre ein sofortiger Rücktritt” des Oberbürgermeisters. Nach allen bisherigen Erkenntnissen sei klar: „Die Behauptung (Raabs), den Laden im Griff zu haben, war wohl nie Realität”.


Norbert Berg, Fraktionschef der AWV, verwies darauf, dass sich die Erklärungen von Oberbürgermeister Raab, das Rathaus sei kein „Schlamperladen”, es sei alles ordnungsgemäß geregelt, sowie die Darstellung aus dem Rathaus, es seien nie Waffen verkauft worden, in der Realität als falsch erwiesen. Es bleibe festzustellen, dass Oberbürgermeister Raab nicht daran denke, sich in der Sache einzulassen und dem Gemeinderat zu berichten.
Werner Gulden (Vorsitzender der CDU-Fraktion) und Wilfried Kraft (Fraktionsvorsitzender der UGL) schlossen sich den Ausführungen der SPD und der AWV an. Die CDU habe sich das Ausscheiden des Oberbürgermei­sters wahrlich anders vorgestellt, sagte Gulden. Insgesamt stehe man vor der Tatsache: „Der Imageschaden kann nicht größer sein.” Die Schwachstellen im Rathaus müssten umgehend beseitigt werden. Er warnte aber auch vor Vorverurteilungen. Wilfried Kraft hätte sich eine aktivere Informationspolitik gewünscht. Die UGL sei „fassungslos, was alles möglich ist”, sagte er im Blick auf die zur Verschrottung abgegebenen Waffen als auch zum Umgang mit dem Tresor.  

 

 

Beschlüsse

 

10000 Euro: ­Für die Aufklärung des Waffendiebstahls wie auch zur Wiederbeschaffung der Waffen setzt die Stadt eine Belohnung in Höhe von 10000 Euro aus. Die Verwaltung hatte 2000 beantragt, die SPD den Antrag auf Erhöhung gestellt. Für 10000 Euro stimmten 22 Stadträte, acht enthielten sich.

Stop des Waffenverkaufs:  Einstimmig wurde auf Antrag des CDU-Stadtrates Christoph Heisig unter Beifall des Publikums beschlossen, dass Waffen, die eingezogen oder abgegeben werden, nicht mehr verkauft werden dürfen.

Neubesetzung: Die Fachbereichsleitung „Revision” wird zeitnah intern ausgeschrieben und besetzt.
(18 Ja, sieben Nein, fünf Ent­haltungen)  

 

 

 

Weitere Pistole

Waffenhandel


Kaum war die Sondersitzung vorbei, erhielt Bürger­meister Holl am Mittwoch die Mitteilung: Entgegen aller bisherigen Stellungnahmen ist vom Ordnungsamt nach dem 11. März (Amok­lauf) doch eine weitere Waffe, eine Pistole Kaliber 7,65, „abge­geben” worden. Gestern Nachmittag informierte Holl die Presse. Er sei sehr verärgert: Der Fachbereichsleiter habe noch am Montag zu dieser Waffenabgabe in seiner Stellungnahme nichts erklärt. Die Sache werde immer suspekter.  

 

 

Die offenen Fragen

Bürgermeister Holl bedankte sich bei den Stadträten für die sachliche Diskussion und bat um Unterstützung. Foto: joe

Vorläufiger Katalog soll innerhalb einer Woche beantwortet werden


Innerhalb der nächsten sieben Tage soll Bürgermeister Herbert Holl dem Gemeinderat auf 25 offene Fragen eine Antwort geben, soweit Verschwiegenheitspflichten nicht verletzt werden.
Die SPD-Fraktion hat den Fragenkatalog zusammengestellt und – falls die Antworten nicht erschöpfend sind – Überlegungen für eine weitere Sondersitzung. Nach den Modalitäten eines Akteneinsichtsausschusses hat sie vorsorglich gefragt.  AWV, CDU und UGL, die einige Fragen mit ähnlichem Inhalt vorgetragen haben, stehen hinter dem Fragenkanon der SPD (der hier, nur um wenige Erläuterungen gekürzt, dokumentiert wird):
1. Gibt es im Rathaus eine  Verschlusssachenverordnung (von wem, seit wann)? Entspricht sie dem  Standard in Baden Württemberg.
2. Wurde bei dem Vorgang, der als Ergebnis die Entwendung von Waffen und Munition aus dem Rathaus hatte, die Verschlusssachenverordnung beachtet? Wer ist ggf. verantwortlich für Verstöße, wer hat die Einhaltung der Anweisung überwacht?
3. Mit welcher Begründung wurde die Versetzung des Ordnungsamtsleiters in den Bauhof verfügt? In welchem Zusammenhang steht die Versetzung mit dem Waffenklau?
4. Zu welchem Zeitpunkt wurde dem Oberbürgermeister und Bürgermeister Holl der Sachverhalt bekanntgemacht, dass Waffen zum Teil weiter veräußert wurden? Wer ist dafür verantwortlich.
5. Welche Nachweise über den Verbleib der überlassenen Waffen wurden im Rathaus geführt. Gibt es Listen mit Datum und Namen...? Wer hat diese Listen geführt, wer hat sie überwacht?
6. Welche Tätigkeiten wurden vom Fachbereichsleiter des Ordnungsamtes am 11. Juni 2009 (Fronleichnam) in seinen Amtsräumen getätigt? Waren sonstige Bedienstete am selbigen Tag im Ordnungsamt, im Rathaus?...
7. Warum wurden vom Dienstvorgesetzten (Oberbürgermeister) entgegen aller  bisherigen Behauptungen offensichtlich keine Dienstanweisungen erlassen, die die Entwendung der Waffen verhindert hätten?
8. Welche Maßnahmen wurden von seiten des Oberbürgermeisters nach dem Waffen- und Munitionsdiebstahl ergriffen? Wurden ihm die Bestandslisten vorgelegt? Hat er nach dem Verbleib aller dem Rathaus übereigneten Waffen gefragt? Hat er sich über Vollzug und Überwachung der Verschlussanweisung informiert?
9. Wurde an das Regierungspräsidium eine Dienst- und Fachaufsichtsbeschwerde eingereicht? Von wem und gegen wen sowie mit welchem Inhalt?
10. Von wem wurden in den letzten Jahren... Waffenverkäufe genehmigt und durchgeführt?
11. Welchen Mitarbeitern im Rathaus waren die Waffenverkäufe bekannt?
12. Wurde über die Waffenverkäufe Buch geführt?...
13. Welche Preise wurden  von den Käufern bestätigt?
14. Gibt es außer den bekannten Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit dem Waffen- und Munitionsdiebstahl weitere Ermittlungen gegen den Oberbürgermeister, den Ordnungsamtsleiter oder andere Mitarbeiter im Rathaus?
15. Was tut im Augenblick die vorgesetzte Behörde – das Regierungspräsidium – in der Angelegenheit „Waffendiebstahl im Crailsheimer Rathaus“? Wann und wie wird das RP aktiv?
Die Presse hat bisher einiges aufdecken können. Dabei handelt es sich offensichtlich auch um Informationen aus dem Rathaus, erklärte Manfred David.
16. Warum wurden diese Informationen der Öffentlichkeit und dem Gemeinderat vorenthalten? Wird es bei der Salamitaktik des Rathauses mit Hilfe der Presse bleiben oder machen die Verantwortlichen im Rathaus demnächst „reinen Tisch“?
17. Warum erfolgt der Rücktritt des Oberbürgermeisters zum 1. November 2009?
18. Führt der Oberbürgermeister bis dahin voll verantwortlich die Geschäfte auf dem Rathaus, oder nimmt er seine Aufgaben nur noch selektiv wahr? Ist eine selektive Aufgabenwahrnehmung zulässig?
19. Wie sind in diesem Fall die Verantwortlichkeiten abgegrenzt?
20.Wie wird in diesem Fall verhindert, dass Grauzonen der Verantwortlichkeit entstehen?
21. Ist dies mit dem Regierungspräsidium abgeklärt?
22. Wer innerhalb der Stadtverwaltung leitet verantwortlich die Aufklärung der Vorgänge im Rathaus? Erfolgt dies nur durch die Staatsanwaltschaft und das RP Stuttgart?
23. Wer leitet zurzeit das Ordnungsamt und seit wann?
24. Wurden im Zusammenhang mit dem Rücktritt des Oberbürgermeisters Zusagen in dienstrechtlicher Hinsicht durch das Regierungspräsidium Stuttgart gemacht?
 Nachdem der Oberbürgermeister abgetaucht ist, liegt die gesamte Verantwortung in der Angelegenheit bei seiner Vertretung, Herrn Bürgermeister Holl. Allerdings bleibt der Oberbürgermeister der direkte Dienstvorgesetzte des Ordnungsamtes, weil dieses in seinem Dezernat angesiedelt ist,betonte David. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob alle dem Oberbürgermeister und dem Fachbereich bekannten Informationen an Herrn Holl weitergereicht werden, so dass dieser mit diesen Informationen vor den Gemeinderat treten kann.
25. Ist es sicher gestellt, dass in der Informationskette Oberbürgermeister – Fachbereich – OB-Stellvertreter Holl keinerlei Informationen hängenbleiben?  

 

 

Waffenverkäufe werden verboten

Gemeinderat sagt klar: Schluss / Innenminister setzt Grenzen


Ja, es wurden auch nach dem Amoklauf von Winnenden und Wendlingen noch Waffen verkauft, die dem Rathaus zur Vernichtung überlassen waren. Aber damit ist nun endgültig Schluss.
Der Gemeinderat hat ein eindeutiges Verbot beschlossen, Waffen, die eingezogen oder abgegeben wurden, weiterhin zu verkaufen. Sie müssen vernichtet werden. Nach augenblicklichem Stand, so Bürgermeister Holl, hat 2008 noch eine Waffenverkaufsbörse stattgefunden. Im Februar sei eine Kurzwaffe verkauft worden, und nach Winnenden (11. März) seien drei defekte Luftgewehre und zwei Übungsluftgewehre weggegeben worden. Es werde weiter recherchiert.


 Das Regierungspräsidium hatte nach dem 11. März den Kommunen dringend empfohlen, keine abgelieferten Waffen zu verkaufen. Das Innenministerium arbeitet  inzwischen an einer Vorschrift, die dem Waffenverkauf Grenzen setzen soll.


Der hießige CDU-Landtagsabgeordnete und Stadtrat Helmut W. Rüeck hat an die Landesregierung drei Anfragen gestellt. Er will u. a. wissen, wie umfänglich, auf welcher rechtlichen Basis  und in welcher Form Waffenverkäufe durch Waffenbehörden stattfanden, wieviel Geld eingenommen wurde und wer die Waffenkäufer waren? Es geht ihm auch um die Umsetzung der RP-„Anregung” nach dem 11. März, nicht mehr als Waffenverkäufer aufzutreten. 

 

 

„Ablehnende Zustimmung”

Erklärungen im Gemeinderat


Die Arbeit des Leiters im Fachbereich Revision wird hoch geschätzt. Nur deshalb setzten Stadträte mit ihrer Gegenstimme zur Ausschreibung der Stelle ein Zeichen.
Für Teile der AWV bedauerte deren Fraktionschef Norbert Berg den Abzug von Chris­toph Jung. Er sei ein äußerst profunder Sachkenner der Materie: „Es wäre sehr, sehr wertvoll gewesen, wenn er auf seinem Posten geblieben wäre”, so Berg. Den Zwiespalt, in dem auch die SPD steckte, verdeutlichte deren Fraktionsvorsitzender Manfred David mit dem Begriff der „ablehnenden Zustimmung”. Die UGL, so deren Fraktionschef Wilfried Kraft, habe nur zugestimmt, weil Jung das Amt übernehmen wollte.
Es wird im Bauhof zwar eine neue Position für den versetzten Ordnungsamtsleiter  geschaffen, aber im Stellenplan war eine Reserve. Es entstehen keine Zusatzkosten, betonte Bürgermeister Holl.  

 

 

 

Gulden entschuldigt sich

Treibjagd-Vorwurf vom Tisch


In aller Form hat  sich der CDU-Fraktionsvorsitzende Werner Gulden insbesondere bei der AWV- und der SPD-Fraktion sowie bei allen Stadträten, die er direkt oder indirekt attackiert hatte entschuldigt.
Gulden hatte in der, wie er am Dienstag sagte, „hochgeladenen emotionalen Stimmung” nach der überraschenden Rücktritts­ankündigung von Oberbürgermeister Raab am 25. Juni die SPD und die AWV namentlich einer Treibjagd beschuldigt und es als „fast niederträchtig” bezeichnet, was die beiden Fraktionen für die Sitzung, in der von Oberbürgermeister Raab Erklärungen gefordert waren, vorbereitet hatten.


„Ich nehme die Worte mit Bedauern zurück und entschuldige mich – das gilt für alle.” AWV-Fraktions­chef Norbert Berg akzeptierte spontan: „Angenommen!”
Sein Kollege Rolf Klunker hadert allerdings mit Oberbürgermeister Raab, der einigen, in einer Personalversammlung angeblich genannten Stadträten vorgeworfen hatte, sie seien an Raabs Rücktritt schuld, das Verhalten der Stadträte habe ihn krank gemacht. Er erwarte, so Klunker, dass einiges zurecht gerückt werde, was OB Raab „mit seinem Rücktritt angerichtet hat.” Er erwarte keine  Entschuldigung, aber dass die  pauschalen Vorwürfe zu­rückgenommen werden.  ks

 

 

 

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