







Wenn wir uns jüdischen Friedhöfen nähern, fällt auf, daß sie sich oftmals außerhalb des Dorfes beziehungsweise der Stadt befinden und von Mauern, Hecken oder Zäunen umhegt sind. Diese Beobachtung führt zu einem zentralen Punkt jüdischen Verständnisses: der Ruhe der Verstorbenen. Die hebräische Bezeichnung für Friedhof lautete "Bet olmin", das heißt "Haus der Ewigkeit". Der Friedhof gilt als zweite Heimat der Menschen. Das Erdenleben ist nur eine kurze Epoche auf dem Weg zu Gott hin. Die Toten ruhen bis zur Auferstehung am Jüngsten Tag in ihren Gräbern. Ein Ort des Friedens, der Ruhe, der Sicherheit und Unversehrtheit, das ist der jüdische Friedhof.
Die Totenruhe ist damit von hohem rituellen Wert. Ganz im Gegensatz zu christlichen beziehungsweise kommunalen Friedhöfen ist das sogenannte "Abräumen" eines Grabes undenkbar. Gibt es keinen Platz mehr, muss entweder ein neuer Friedhof angelegt werden, oder es muss eine Erdschicht über den alten gebreitet werden. Diese soll so hoch sein, dass die darunter liegenden Gräber nicht berührt werden. Um die Totenruhe nicht zu stören, werden an den Friedhöfen keine weiteren Arbeiten vorgenommen. An Schabbat und sonstigen religiösen Feiertagen bleibt der Friedhof geschlossen. Alle Männer tragen beim Besuch des Friedhofs eine Kopfbedeckung, beim Verlassen sind die Hände zu waschen.

Die Grabanordnung sieht eine Ausrichtung nach Osten vor, dort liegt Jerusalem, wo die Ankunft des Messias erwartet wird. Die älteren Grabsteine sind in der Regel einfach und rechteckig gestaltet, häufig mit einem Rundbogen oder einem zugespitzten Kopf. Die Stilrichtungen der Barock- (stärkere Verzierungen) und Rokokozeit (oft mit Muschel) übten auch hier ihren Einfluss aus. Im 19./20. Jahrhundert kamen Neoklassizismus (Säulen, Pilaster) und neuromanische und neugotische Formen hinzu bis hin zu großen Grabmonumenten. Doppelgräber waren eigentlich unüblich, konnten aber zu Lebzeiten bereits reserviert werden. Inschriften auf den Gräbern sind in der Regel hebräisch mit Würdigung des Lebens des Toten. Auf manchen Grabsteinen finden sich auf der Rückseite auch deutsche Inschriften.
Nach altem jüdischen Wüstenbrauch wurden bei Besuchen Steine auf die Grabsteine gelegt. Sie dienten vermutlich dem Schutz des Grabes vor wilden Tieren und waren wohl auch ein Zeichen der Erinnerung und des Gedenkens. Dieser Brauch wird bis heute praktiziert und unterscheidet sich von der christlichen Grabpflege mit Blumenschmuck.
Einige wichtige Symbole auf Grabsteinen:
Segnende Hände weisen auf den Nachkommen eines Priesters (hebr. Kohen) hin.
Krug oder Kanne zeigen an, daß hier ein Levit, ein Tempeldiener, bestattet liegt.
Ein Widderhorn (hebr. Schofar) bedeutet, daß der Verstorbene an hohen Feiertagen in der Synagoge das Horn geblasen hat.
Messer kennzeichnen den Verstorbenen als den "Mohel", der das Amt des Beschneiders bekleidete.
Gebotstafeln zeigen an, daß der Verstorbene besonders thoratreu gelebt hat.
Ein offenes Buch steht für Weisheit und Wissen.
Geknickte Rosen bedeuten ein Kindergrab.
Menorah, der siebenarmige Leuchter, steht für das ewige Licht.
Ein jüdischer Friedhof ist und bleibt ein geweihter Ort.
Publikationen:
Herausgegeben
von der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten, Museen und Archive im Landkreis Schwäbisch Hall: Dr. Hans Peter Müller (Kreisarchiv Schwäbisch Hall), Folker Förtsch (Stadtarchiv Crailsheim)
Redaktion:
Folker Förtsch/Herbert Schulz (Gedenkstätten)
Ulrike Marski/Susanne Sackstetter (Museen)
Monika Kolb/Hans Peter Müller (Archive)
Texte:
Folker Förtsch, Ralf Garmatter, Hannes Hartleitner, Andreas Maisch, Ulrike Marski, Hans Peter Müller, Armin Panter, Bernhard Ritter, Susanne Sackstetter, Herbert Schulz, Barbara Ucik-Seybold