Stadtfeiertag
Überraschende Reise in die Tourismusgeschichte
Stadtarchivar Folker Förtsch begeisterte beim Heimatgeschichtlichen Abend im Rahmen des Stadtfeiertags mit einer überraschenden Spurensuche zum Tourismus in Crailsheim. Von Kaisern und einem Papst über Kurgäste bis hin zu visionären Bürgern – die Stadt hat eine reiche, oft vergessene Tradition als Anziehungspunkt für Fremde. Passend musikalisch umrahmt wurde der Vertrag durch „Echt handg′macht“.
„Was kann man da schon sehen?“ – diese oft gehörte Frage stellte Stadtarchivar Folker Förtsch an den Anfang seines Vortrags beim Heimatgeschichtlichen Abend im Hangar. Seine Antwort war ein ebenso fundierter wie unterhaltsamer Streifzug durch die Jahrhunderte, der das Bild Crailsheims als reine Industriestadt eindrucksvoll korrigierte und zeigte: Tourismus hat hier eine tiefere und vielfältigere Geschichte, als viele vermuten. Begleitet wurde der Abend durch die vier Musiker von „Echt handg′macht“, die mit ihren Liedern der Villa huldigten, einen musikalischen Spaziergang durch Crailsheim anstimmten, eine melancholische Hommage an die Lange Straße präsentierten und natürlich die entscheidende Frage „Wia lang is noch bis zum Volksfeschd?“ stellten.
Päpste, Prinzen und prunkvolle Feste
Schon im Mittelalter war Crailsheim durch seine Lage an wichtigen Fernstraßen wie der „Kaiserstraße“ ein Knotenpunkt für Handelsleute auf Geschäftsreise und Pilger. Ein besonderes Zeugnis dafür ist die sogenannte Romwegkarte von 1500, die Crailsheim als Station auf dem Weg in die Heilige Stadt ausweist.
Eine erste Blütezeit des „Fremdenverkehrs“ erlebte die Stadt als Nebenresidenz der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach. Hochrangige Besucher gaben sich die Klinke in die Hand. Kaiser Karl VI. etwa reiste 1711 mit einem gewaltigen Tross von 800 Mann und 700 Pferden an – eine logistische Herausforderung für das kleine Crailsheim, das damals nur rund 2.500 Einwohner hatte. Um die Gäste zu unterhalten, bot man einiges auf, wie Folker Förtsch darstellen konnte: aufwendige Jagdgesellschaften in den wildreichen Wäldern oder gar Gondelfahrten auf dem heute verschwundenen Spitalsee, begleitet von Volksbelustigungen und Feuerwerk.
Ein besonders prominenter Gast war der spätere Papst Pius II., Enea Silvio Piccolomini. Sein Besuch um 1450 in Crailsheim hinterließ einen bleibenden kulinarischen Eindruck bei dem Gast, den Förtsch aus den Tagebüchern Piccolominis zitierte: „Ich bin nach Crailsheim gekommen und habe daselbst kleine Fischlein gegessen, welche sie Grundeln nennen.“ Nicht immer ging es so beschaulich zu: Bei einer Fürstenhochzeit 1537 floss der Wein derart in Strömen, dass vier Gäste, darunter der Hofmeister, an den Folgen starben und „selbst alle Kammerjungfern des Weines toll und voll und mussten in Krankenwagen nach Hause geschafft werden.“
Von Heilquellen und schlechten Straßen
Im 18. Jahrhundert kamen neue Reiseformen auf. Mit der zufälligen Entdeckung der Quelle des Bad Sauerbronnen entwickelte sich eine Art Kur- und Wellnesstourismus. Kranke Menschen kamen, um das Wasser „des Heils und Gesundheit zu schöpffen“. Förtsch berichtete von einem schwedischen Soldaten, der 1709 „mit zwey Krucken kam“ und nach der Kur „gesund und frölich davon“ reiste.
Gleichzeitig erkundeten bürgerliche Bildungsreisende im Geiste der Aufklärung das Land. Während Pfarrer Johann Friedrich Mayer 1780 die „erbärmlichsten Straßen“ beklagte, zeigte sich der Schriftsteller Carl Ludwig Junker 1786 von der Stadt und ihren Bewohnerinnen begeistert: „Unter allen Landstädten des Fürstenthums Anspach ist keines, das sich so sehr nach der Hauptstadt modelt, als dieses Städtchen.“
Bürgersinn schafft neue Attraktionen
Die wahre „Demokratisierung des Reisens“ brachte ab 1866 die Eisenbahn. Crailsheim wurde zum Knotenpunkt mit direkten Verbindungen nach Paris und Prag. Die Zahl der Reisenden verdoppelte sich bis 1912 auf rund 500.000 pro Jahr. Dieser Aufschwung weckte den Bürgersinn. Der 1868 gegründete „Verschönerungsverein“ unter Oberförster Alois Paradeis legte Spazierwege an und schuf Grünanlagen wie die Paradeisallee. Man wollte die Stadt für Einheimische und Gäste attraktiver machen.
Besonders hob Förtsch die visionäre Leistung des Apothekers Richard Blezinger hervor, der ab 1894 auf der Wilhelmshöhe nicht nur die „Villa“ erbaute, sondern auch einen botanischen Garten und die Geologische Pyramide anlegte – „das erste Bauwerk dieser Art überhaupt“. Blezinger machte Crailsheim als Fundort wichtiger Fossilien bekannt und zog Wissenschaftler aus ganz Deutschland an. Parallel dazu gründete sich 1920 der Heimat- und Altertumsverein mit dem klaren Ziel, durch ein Museum „den Fremden aus früheren Zeiten Sehenswertes bieten zu können“, denn, so die Gründer, „der gebildete Fremde misst nun einmal auch daran das Maß der Ortskultur.“
Von der Zerstörung zur professionellen Neuausrichtung
Die Kriegszerstörung von 1945 bezeichnete Folker Förtsch als eine brutale Zäsur, die das historische Stadtbild für immer veränderte. Über Jahrzehnte, so Förtsch, spielte der Tourismus kaum eine Rolle. Noch 1979 hieß es von offizieller Seite, Crailsheim sei „nicht in erster Linie Fremdenverkehrsgemeinde“, sondern eher ein guter Standort, um die Nachbarstädte zu besuchen.
Erst ab den späten 1980er-Jahren setzte ein Umdenken ein, angestoßen durch die Verkehrsberuhigung von Marktplatz, Schweinemarktplatz und Spitalpark und die Schaffung einer Fußgängerzone. Seitdem ist viel passiert: die Eröffnung des neuen Stadtmuseums, das Kulturwochenende als jährlicher Anziehungspunkt, der Stadtführungsservice mit jährlich rund 120 Stadtführungen, Projekte wie die „Türme an der Jagst“, der Reformationsweg oder die „Crailsheimer GeschichtsPunkte“.
Die Zukunft des Tourismus liegt in den eigenen Händen
Heute, so das Fazit des Stadtarchivars, sei die Tourismusförderung mit einem eigenen Konzept und professionellen Strukturen in der Verwaltung fest verankert. Crailsheim sei zwar „keine Tourismushochburg“, müsse sich aber mit seinem Kulturangebot nicht mehr verstecken. Großes Potenzial sieht Förtsch in den unverwechselbaren Themen der Stadt: „Wie wäre es in nicht allzu ferner Zukunft mit einem ‚Eisenbahn-Erlebnispark Crailsheim‘ oder einem ‚GeoZentrum Crailsheim‘?“
Sein abschließender Appell richtete sich direkt an die Bürgerinnen und Bürger: Sie sollten die lokalen Angebote selbst nutzen und ihre Stadt selbstbewusst präsentieren, anstatt immer nur auf das Fachwerk der Nachbarn zu verweisen. „Es liegt auch an Ihnen, ob Tourismus in Crailsheim einen Stellenwert hat.“