Abschied
Acht Jahre – auf seine Weise
Jörg Steuler kam als erfahrener Bau- und Raumplaner nach Crailsheim und ging als Bürgermeister für Bauen, Soziales und Kultur. Acht Jahre lang prägte er die Stadtentwicklung mit, musste Krisen bewältigen, Verkehrsversuche verteidigen, soziale Fragen mitdenken und manche hitzige Diskussion aushalten. Zum Abschied blickt Steuler zufrieden zurück – und Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer auf einen verlässlichen Partner an der Verwaltungsspitze.
„I did it my way“ – Jörg Steuler hatte für seinen Abschied beim Volksfestempfang bewusst Frank Sinatras Klassiker ausgewählt. Viel passender könnte die Überschrift über seine acht Jahre in Crailsheim kaum sein. Steuler kam mit einer ausgeprägten planerischen und baulichen Fachbiografie an die Jagst, wollte aber nie nur der Mann für Bauakten, Bebauungspläne und Baustellen sein.
Der studierte Raumplaner hatte bereits einen langen Weg im öffentlichen Dienst hinter sich. Über sein Interesse an Umwelt- und Klimaschutz war er ursprünglich zur Verwaltung gekommen. Es folgten berufliche Stationen unter anderem in Herford, Stuttgart und Kiel, bevor er mehr als zwei Jahrzehnte das Bauamt in Neuwied leitete. 2018 wechselte der damals 59-Jährige schließlich nach Crailsheim. Der Gemeinderat wählte ihn mit 34 zu sechs Stimmen zum Sozial- und Baubürgermeister.
Damit wurde ausgerechnet ein ausgewiesener Bau- und Planungsexperte für ein Dezernat verantwortlich, das weit über Häuser, Straßen und Bebauungspläne hinausging. Soziales und Kultur gehörten ebenso dazu wie Sicherheit und Bürgerservice, später auch Immobilienmanagement sowie Mobilität und Umwelt. Gerade diese ungewöhnliche Mischung hatte Steuler nach eigenen Worten gereizt. „Es war die Summe der Aufgaben, die mich hier gereizt hat“, sagt er rückblickend.
Bau-Fachmann mit Blick über den Bauzaun
Der Umwelt- und Klimaschutz war dabei kein bloßes Anhängsel. Steuler beschäftigte sich in Crailsheim auch mit Klimaneutralität, Energieversorgung und klimafreundlicher Mobilität. Bei der Diskussion um einen Klimavorbehalt hatte er sich beispielsweise die Energieversorgung von 93 städtischen Gebäuden angesehen. Sein Fazit fiel nüchtern aus: „Die Zeit bis 2040 ist verdammt knapp. Es gibt noch viel zu tun, um überhaupt in die Nähe der Klimaneutralität zu kommen.“
Dass aus dem Bau-Fachmann zugleich ein Ansprechpartner für soziale und kulturelle Fragen wurde, empfand Steuler offenbar nicht als fachfremden Umweg. Im Gegenteil: „Langweilig war mir nie, ich habe die Mischung stets genossen.“ Verantwortung zu übernehmen und Dinge zu entwickeln, habe ihm Spaß gemacht – auch dann, wenn es Kritik gab.
Und die gab es. Schließlich wuchs Crailsheim kräftig. Allein 2023 stieg die Einwohnerzahl unterm Strich um rund 1.000 Menschen. Industrie und Gewerbe sorgten für neue Arbeitsplätze und damit für Zuzug, zugleich mussten Infrastruktur, Kinderbetreuung, ÖPNV und Integration mitwachsen. Für Steuler gehört diese Entwicklung zu den großen Aufgaben seiner Amtszeit. Seine Haltung dazu bringt er in einem Satz auf den Punkt: „Es macht mehr Spaß, das Wachstum zu gestalten, als den Mangel zu verwalten.“
Viel bewegt, nicht alles abgeschlossen
Bei seiner persönlichen Bilanz nennt Steuler deshalb auch kein einzelnes Vorzeigeprojekt. Es sei vielmehr die „Masse der Projekte“, die ihn zufrieden mache. Gerade bei der Stadtentwicklung müsse man allerdings Geduld haben. „Erfolg in der Stadtentwicklung zeigt sich oft erst nach vielen Jahren, manchmal sogar erst nach Generationen.“
Beim sozialen Wohnungsbau etwa stieg die Stadt mit dem Mehrgeschossbau im Heckenbühl erstmals selbst stärker ein. Trotz der durch die Ukraine-Krise gestiegenen Kosten sei es gelungen, die Mieten nach Steulers Angaben rund ein Drittel unter der ortsüblichen Miete zu halten.
Auch den Kauf des Hangars verteidigt Steuler ausdrücklich. Er habe von Anfang an dafür plädiert, „in Veranstaltungen zu denken und nicht in Steinen oder in Gebäuden“. Dass das Gebäude selbst Kritiker hat und bei Starkregen schon einmal das Dach hörbar in Erscheinung tritt, räumt er ein. Seine Bilanz fällt trotzdem eindeutig aus: Ohne den Kauf wäre der Hangar heute eine Lagerhalle – und Crailsheim hätte in den vergangenen Jahren keine großen Veranstaltungen dort erlebt.
Nicht alle Projekte wurden allerdings mit Begeisterung aufgenommen. Der Verkehrsversuch gehört zu den Vorhaben, bei denen Steuler den Gegenwind bis heute nicht ganz nachvollziehen kann. Verkehr sei in Crailsheim ein ausgesprochen emotionales Thema. Der Versuch habe aus seiner Sicht aber gezeigt, dass das Straßennetz zusätzliche Verkehre aufnehmen könne.
Crailsheimer Diskussionsfreude
Überhaupt gehörte Widerspruch für Steuler zum kommunalen Geschäft. Schon seine erste Gemeinderatssitzung in Crailsheim lieferte ihm dafür eine Kostprobe. Ob die Sitzungen um 17.00 oder 18.00 Uhr beginnen sollten, wurde mit einer Stimme Mehrheit entschieden. „Im Rheinland, wo ich herkam – undenkbar! Nach zwei Blicken hätte man sich auf 17:30 Uhr verständigt.“
Dass in Crailsheim auch über weniger weltbewegende Fragen mit großer Leidenschaft diskutiert werden konnte, nahm Steuler mit Humor. Seine Rückschau führte ihn sogar durch die lokale Tierwelt. Das persönliche Highlight: „Der Falke durfte höchstselbst im Bauausschuss anwesend sein.“
Bei aller Diskussionsfreude blieb für Steuler ein Grundsatz wichtig: Kommunalpolitik müsse zu Lösungen kommen. „Gute Politik besteht vielmehr darin, tragfähige Kompromisse zu erarbeiten.“ Gleichzeitig dürfe man Kompromisse nicht aus Bequemlichkeit eingehen. Eine klare eigene Haltung und die Bereitschaft, Mehrheiten zu suchen, gehörten für ihn zusammen.
Zwei unterschiedliche Persönlichkeiten
Auch die Zusammenarbeit mit Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer war geprägt von sich ergänzenden Sichtweisen. Gerade das wertete Grimmer bei der Verabschiedung als Stärke. „Sie waren für mich ein verlässlicher Partner in der Verwaltungsspitze“, sagte er.
Man sei häufig einer Meinung gewesen – und dort, wo das nicht der Fall war, habe man unterschiedliche Perspektiven zugelassen. „Denn Zusammenarbeit heißt nicht, immer gleich zu denken. Sie heißt, miteinander zu sprechen, Argumente auszutauschen – und sich am Ende aufeinander verlassen zu können.“
Acht Jahre lang habe man gemeinsam „Projekte begonnen, Entscheidungen getroffen, Krisen bewältigt, diskutiert und manchmal auch inhaltlich miteinander gerungen“. Steuler habe dabei zuhören und abwägen können und auch in schwierigen Situationen Ruhe bewahrt. Wenn es notwendig gewesen sei, habe er allerdings ebenso klare Worte gefunden.
Steuler selbst beschreibt die Zusammenarbeit ähnlich knapp wie herzlich: „Die Chemie stimmte!“ Beide seien „sehr unterschiedliche Persönlichkeiten“, hätten sich aber gut ergänzt. Gerade weil der Verwaltungsalltag genügend Stress und Ärger mit sich bringe, brauche es auf der persönlichen Ebene keine zusätzlichen Probleme.
Corona, Ukraine und dünnere Luft
Zu den Herausforderungen seiner Amtszeit gehörten auch Entwicklungen, die bei Steulers Amtsantritt niemand auf dem Plan hatte: die Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine. Die Pandemie habe gezeigt, dass eine Verwaltung auch spontan handlungsfähig sein könne. Die Ukraine-Krise machte sich dagegen nicht nur gesellschaftlich bemerkbar, sondern auch bei Baukosten und Finanzen.
Steuler blickt deshalb mit etwas Vorsicht auf die kommenden Jahre. Crailsheim stehe wirtschaftlich grundsätzlich gut da, doch beim Ergebnishaushalt werde es zunehmend schwieriger. „Und da wird die Luft echt dünner“, sagt er. Vom Land wünscht er sich deshalb andere Rahmenbedingungen.
Einen Anspruch auf die alleinige Urheberschaft seiner Amtszeit erhebt Steuler ohnehin nicht. „Das schafft niemand allein! Das gelingt nur im Team, dem es zu danken gilt.“ Verwaltung, Gemeinderat, Wirtschaft, Ehrenamt und Stadtgesellschaft hätten ihren Anteil daran, dass Crailsheim sich weiterentwickelt habe.
Grimmer sieht es ähnlich. Steuler habe Spuren hinterlassen – „in der Stadtentwicklung, in unserer sozialen Infrastruktur und in der Verwaltung“. Und er hinterlasse Projekte, „an denen andere weiterarbeiten werden“.
Der Staffelstab geht weiter
Dass nicht alles fertig ist, gehört für Steuler zum Prinzip kommunaler Stadtentwicklung. Als er das Amt von Herbert Holl übernahm, vollendete er Projekte, die sein Vorgänger angestoßen hatte. Nun wird sein Nachfolger Tilmann Lohse Vorhaben weiterführen, die in Steulers Amtszeit begonnen wurden. Eines hätte Steuler selbst gerne noch begleitet: den Musikcampus der Stadtkapelle.
Auch die weitere Entwicklung rund um den Volksfestplatz steht noch bevor. Dass andere seine Arbeit fortsetzen, empfindet er nicht als unvollendete Bilanz, sondern als normalen Lauf kommunaler Entwicklung.
Seinem Nachfolger gibt er deshalb zwei Ratschläge mit: „Immer erst genau hinschauen, sich selbst ein Bild machen und die Situation analysieren.“ Und: „sehr genau zuhören.“ Denn etwas Positives zu wollen, bedeute noch lange nicht, dass es auch umgesetzt werde. Dafür brauche es Überzeugungsarbeit und ein Gespür dafür, wie die Akteure vor Ort zu einer Sache stehen.
Die letzte berufliche Station
Von Herford über Stuttgart und Kiel nach Neuwied und schließlich nach Crailsheim – dort endete nach insgesamt rund vier Jahrzehnten im öffentlichen Dienst auch Steulers beruflicher Weg. Die vielen Ortswechsel, die ihn und seine Ehefrau Hedi schließlich an die Jagst führten, seien für beide „keine Belastung, sondern eine Bereicherung“ gewesen.
Und auch der letzte Arbeitstag passte zu den vergangenen acht Jahren: morgens ein Interview mit der Tageszeitung, nachmittags die Einweihung eines Gewerbegebiets, als letzter beruflicher Akt die Eröffnung einer Ausstellung im Stadtmuseum. Vielseitiger hätte ein Abschied kaum aussehen können.
Nun beginnt für Steuler ein Lebensabschnitt mit deutlich weniger festen Terminen. Zeit für die Familie soll dabei ebenso eine größere Rolle spielen wie Reisen, Radfahren und Motorradfahren. Nach Jahren, in denen Sitzungspläne, Bauprojekte, Verwaltungsrunden und Abendtermine den Alltag bestimmten, dürfte sich der Kalender künftig etwas großzügiger füllen lassen – allerdings aus eigener Regie. Seine persönliche Bilanz fällt entsprechend unkompliziert aus. Die Arbeit habe ihm „immer viel Spaß gemacht“ – selbst wenn manche Diskussionen gelegentlich bis weit nach Mitternacht dauerten. Und so klingt bei seinem Abschied weniger Wehmut als Zufriedenheit durch: mit dem Erreichten, mit den Menschen, mit denen er gearbeitet hat, und mit dem Wissen, dass Stadtentwicklung ohnehin immer ein Staffelstab ist.
Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer brachte seine Bilanz dagegen auf einen Satz: „Heute kann ich sagen: Es war sehr gut, Sie an meiner Seite zu wissen.“
Acht Jahre Crailsheim gehen damit zu Ende. Mit Projekten, die bleiben, Diskussionen, die teilweise weitergehen werden, und einem Bürgermeister, der seine Aufgabe tatsächlich auf seine Weise ausgefüllt hat.