Stadtmuseum
Unerwarteter Glücksfund in den Vitrinen
Der niederländische Geigenbauer und Restaurator Hubert de Launay war für mehrere Tage im Stadtmuseum zu Gast, um die Violinen aus der Stüber-Sammlung zu untersuchen. Dabei stieß er gleich auf mehrere Instrumente des niederländischen Geigenbauers Hendrik Jacobs aus dem 17. Jahrhundert.
„Amazing!“ – „I was shocked!“: Große Worte, gefolgt von einem Lächeln. Dann senkt sich der Blick, eine Falte der Konzentration legt sich zwischen die Augen. Scannerblick – und wieder völlige Stille. Einzig der Ventilator im Obergeschoss des Stadtmuseums erzeugt ein konstantes Rauschen im Hintergrund.
So klingt es, wenn Hubert de Launay über etwas spricht, was selbst schon lange keinen Klang mehr erzeugt hat: Die Geigen in der Sammlung des Crailsheimer Stadtmuseums. Um zu verstehen, was den 38-jährigen Geigenbauer und Restaurator aus den Niederlanden so schwärmen lässt, braucht es etwas Zeit. Mit weißem Baumwollhandschuh wird das edle Holz vor Augen gehoben, in der anderen Hand ein kleines Licht, mit dem die Dunkelheit im Inneren des Klangkörpers erforscht wird. Es geht um Linienführung, um den Hals und die Schnecke, um die Anzahl und den Abstand der Baumringe im Holz und um die Spuren, die das Werkzeug des Geigenbauers vor vielen Jahren hinterlassen hat. „Ein bisschen wie Sherlock Holmes“, beschreibt de Launay seine Arbeit, die eigentlich gar nicht seine Arbeit ist: Die Nachforschungen zu den niederländischen Violinen beginnt de Launay vor 16 Jahren auf eigene Faust; nebenher, abends, an den Wochenenden – immer dann eben, wenn ein bisschen Zeit übrig ist.
Die eigene Geschichte
Im Fokus stehen hauptsächlich die Violinen des niederländischen Geigenbauers Hendrik Jacobs. „Ich bin selbst Geigenbauer, und als ich für eine gewisse Zeit in England studiert habe, traf ich zum ersten Mal überhaupt auf niederländische Geigen. Mir war das überhaupt nicht bewusst, dass wir in der Hinsicht eine so große Geschichte haben, und ich habe mich schon fast für meine Unwissenheit geschämt“, sagt de Launay. Bewusst ist das bis heute den wenigsten – geht es um berühmte Geigenbauer, fällt der Blick oft auf italienische Meister wie Stradivari, Gagliano und Amati oder auf den Tiroler Jakob Stainer. Niederlande? Jacobs? Weitestgehend unbekannt. Doch de Launay will das ändern. Die ersten vier Jahre seiner Forschungen sind das reine Chaos: Keiner weiß wirklich Bescheid, und beim einzig bekannten Experten für niederländische Geigen stellt sich schnell heraus, dass dieser in seinen Publikationen mehr als einen Fehler gemacht hat.
Zurück zu den Wurzeln
Also geht de Launay ganz anders vor: Zurück zu den Grundlagen, mit frischem Blick, ohne auf Altbekanntes zu hören. Er gründet die Hendrik Jacobs Foundation, sammelt Spenden für seine Nachforschungen, und siehe da – das Projekt wird größer, bis am Ende über eine halbe Million Euro für die Studien der niederländischen Instrumente zusammenkommen. Heute, nach 16 Jahren, braucht der Experte nur einen Blick ins Crailsheimer Stadtmuseum zu werfen, um sich sicher zu sein: Hier schlummern mehr als nur eine Jacobs-Geige. „Diese da hinten zum Beispiel“, sagt der 38-Jährige und deutet auf eine Violine, die für den Laien aussieht wie alle anderen auch, „die lief hier im Museum bisher unter ,Anonym‘ und hatte kein bekanntes Baujahr. Ich kann aber sicher sagen, dass es eine Jacobs aus dem Jahr 1693 ist.“ Museumsleiterin Friederike Lindner schmunzelt. „Naja, bisher führten wir die Instrumente unter dem Titel ,Kopien‘. Das wusste ja niemand. Aber die Beschriftung ändern wir natürlich gerne ab, wenn wir hier solche Entdeckungen machen“, sagt sie.
Gleich mehrere Jacobs-Geigen
De Launay hat ein Ziel: Er möchte die Violinen auffinden, untersuchen und kategorisieren, um endlich auch ein stimmiges und ausführliches Nachschlagewerk zum niederländischen Geigenbauer Hendrik Jacobs erstellen zu können. Doch wie kommt er dabei eigentlich auf Crailsheim? Da ist es wieder, das schmale Lächeln. „Ich habe vom Geigenbauer Johann Stüber gehört und bin ich darauf gestoßen, dass es hier eine Jacobs-Violine geben könnte“, sagt de Launay. Der Crailsheimer Geigenbauer Stüber nämlich betrieb seinerzeit eine Geigenbauwerkstatt in Den Haag. Er sammelte leidenschaftlich gerne Instrumente berühmter Geigenbauer des 17. und 18. Jahrhunderts und vermachte der Stadt Crailsheim seine exzellente Sammlung sowie Teile seiner eigenen Werkstatt. „Ich wollte eigentlich nur eine einzige Jacobs-Geige hier anschauen, aber als ich herkam, fand ich noch weitere – das hier ist zwar eine kleine Sammlung, aber sie hat ein einzigartig hohes Level“, sagt de Launay über die Stüber-Sammlung im Crailsheimer Stadtmuseum. Mindestens zwölf hochwertige Geigen habe er ausmachen können, so de Launay – und deshalb für seine Nachforschungen vor Ort spontan mehr Zeit eingeplant.
Arbeitsplatz im Museum
Für einige Tage richtet sich der Geigen-Experte, der eigentlich in Vianen nahe Utrecht wohnt, dort seinen Arbeitsplatz ein, im Obergeschoss des Stadtmuseums, an zwei kleinen Tischen. Er braucht nicht viel: Seine weißen Handschuhe, einen Zahnarztspiegel, ein kleines Licht, seinen Laptop, ein UV-Licht und eine spezielle Kamera, mit der er die Baumringe im Holz der Instrumente untersuchen kann. Das Wichtigste aber: der richtige Blick. Denn damit dauert es nur wenige Stunden, bis er sicher sagen kann: „Eine Jacobs haben wir hier definitiv, eine zweite höchstwahrscheinlich auch und eine dritte ist vermutlich von einem sehr guten Studenten von ihm.“ Und was ist mit dem Klang der Instrumente? De Launay schüttelt den Kopf. „Es klingt komisch, aber den Sound ignoriere ich komplett. Denn der lässt sich viel zu leicht durch andere Faktoren beeinflussen und sagt quasi nichts über den Geigenbauer aus.“
Wie es nun weiter geht? Der 38-Jährige wird seinen Fund dokumentieren und, so hofft er, seine Forschungen zu Jacobs bis zum Jahr 2029 abgeschlossen haben. „Ich mache das wirklich sehr gerne, aber noch lieber ist mir der Geigenbau. Das ist es, was ich machen möchte“, sagt de Launay. Als Experte für niederländische Geigen wird er aber sicherlich auch in Zukunft noch anderen bei ihren Forschungen zur Seite stehen. Und im Stadtmuseum? Da wird wohl bald die ein oder andere Beschriftung abgeändert.