Nachhaltigkeitspreis
Recycling baut Gemeinschaft
Zum zweiten Mal erhält der Verein TamieH den Nachhaltigkeitspreis der Stadt Crailsheim. Ausgezeichnet wurde diesmal das Bauhütten-Projekt am Fliegerhorst – ein außergewöhnliches Bauvorhaben, bei dem aus recycelten Materialien, viel ehrenamtlichem Engagement und einer gemeinsamen Vision ein Ort für Begegnung entstanden ist.
„Wir freuen uns sehr, dass wir den Preis der Stadt zum zweiten Mal erhalten. Wir bedanken uns bei der Verwaltung“, sagte Vereinsvorsitzende und Gründerin Susanne „Susi“ Hammer bei der Preisverleihung. Das Bauhütten-Projekt sei zunächst als Experiment mit jungen Handwerkerinnen und Handwerkern sowie Auszubildenden gestartet. „Aus diesem kleinen Projekt Bauhütte ist jetzt das Haus der Begegnung geworden, das wir mit Leben füllen wollen. Workshops, Ausstellungen und viele Abende sind geplant.“
Vom Experiment zum Begegnungsort
Entstanden ist das Gebäude in vielen Bauabschnitten und mit ständig wechselnden Helferinnen und Helfern. Junge Menschen, Ehrenamtliche, Geflüchtete und Fachleute arbeiteten gemeinsam an dem Projekt. Ziel war es von Anfang an, Bauen, Bildung und Gemeinschaft miteinander zu verbinden.
Wer das Gebäude betritt, entdeckt Nachhaltigkeit an jeder Ecke: Türen stammen aus einem Abrisshaus im Schwarzwald, die Wände bestehen aus Stampflehm und Lehmputz. Selbst Pflastersteine vom ehemaligen Crailsheimer Freibad fanden eine neue Aufgabe. Die sogenannten Knochensteine sowie Teile der Verrohrung stellten die Stadtwerke zur Verfügung – ausgebaut wurden sie teils sogar bei Minusgraden. Hinzu kamen zahlreiche Sachspenden, von Kabeln bis zu Toiletten. Rund 90 Tonnen Holz spendete die Firma Leonhard Weiss, die tragenden Balken bestehen aus neuem Holz. Unterstützung kam außerdem von der Firma Feuchter in Person von Geschäftsführer Martin Jakob.
Für die Bauaufsicht war Schreiner und Umweltingenieur Nico Hüttich verantwortlich. Er zeigte sich stolz über das Ergebnis: „Es ist schön, die fast fertige Baustelle zu besuchen. Wir haben hier eine Vision umgesetzt – mit ökologischen Baustoffen und recyceltem Material, um zu beweisen, dass es geht.“
Mehr als nachhaltig
Doch das Haus soll weit mehr sein als ein nachhaltiges Bauprojekt. Es soll Menschen zusammenbringen. Vereinsmitglied Gabriele „Gaby“ Mack brachte diesen Gedanken auf den Punkt: „Wir wollen einen Ort schaffen, der Begegnung ermöglicht – für alle Menschen, egal ob rot, grün, gelb oder sonst wie. Hier soll jeder seine Geschichte erzählen können und auch sinnbildlich an unserer langen Tafel Platz nehmen.“ Begriffe wie „Seelenanker“, „Zusammenfreude“, „Trostflimmern“ oder „Augenweite“ stehen symbolisch für diese Idee.
Hammer erinnerte auch daran, dass der Weg nicht immer einfach war. „Es haben uns leider einige Weggefährten verlassen, aber sie haben hoffentlich etwas für ihr Leben, ihre Biografie mitgenommen. Wir wollen hier wertschätzen und erhalten.“ Umso mehr freue sich der Verein über die Auszeichnung. Sie dankte unter anderem Maik Thorwart, der die Internetseite des Vereins gestaltet hat und inzwischen fest zum Team gehört, sowie Rosalinde Stegmüller von Eberl für ihre Unterstützung beim Thema Nachhaltigkeit. „Es ist so vieles passiert in der vergangenen Zeit, da tut uns dieser Preis wirklich gut.“
Auszeichnung mit Signalwirkung
Überreicht wurde die Auszeichnung von Sozial- & Baubürgermeister Jörg Steuler. „Ich freue mich, Ihnen zum zweiten Mal den Nachhaltigkeitspreis der Stadt übergeben zu dürfen. Beim ersten Mal für das Tun des Vereins an sich, jetzt für dieses tolle Projekt. Ich bin positiv überrascht, was aus Recycling zu machen ist. Das Projekt ist vollkommen zurecht ausgezeichnet worden.“
Da es in der Kategorie drei Preisträger gab, wurde das Preisgeld aufgeteilt. Steuler nahm es mit Humor: „Jetzt wird über das Projekt geschrieben, es wird darüber geredet – und das ist noch mehr wert.“
Für den Bürgermeister war es zugleich der letzte Besuch bei TamieH in offizieller Funktion, bevor er im Herbst in den Ruhestand geht. Als Dankeschön überreichte ihm Susanne Hammer eine „leuchtende Blume“ für den Garten. „Damit Ihr Leben nach Crailsheim gesund weitergeht.“ Sie bedankte sich für die gute Zusammenarbeit. Steuler gab den Ehrenamtlichen zum Abschied noch einen Wunsch mit auf den Weg: „Wenn man Sie machen lässt, wird es gut – machen Sie so weiter.“
Mit dem jetzt fast fertiggestellten Gebäude beginnt für den Verein eine neue Phase. Nach der Bauzeit soll das Haus der Begegnung zu einem lebendigen Treffpunkt für alle werden – ganz im Sinne des Namens TamieH, der rückwärts gelesen „Heimat“ bedeutet.
Info: Seit dem Schuljahr 2023/2024 verleiht die Stadt Crailsheim jährlich den mit 1.000 Euro dotierten Nachhaltigkeitspreis für besonderes Engagement in den Bereichen Klima-, Natur- und Artenschutz sowie Energie und Mobilität. Bewerben können sich Schulen, Klassen, Vereine und Jugendgruppen aus dem Stadtgebiet. Ausgezeichnet werden bereits umgesetzte Projekte oder kreative Ideen mit Vorbildcharakter. Über die Vergabe entscheidet eine Jury aus Stadtverwaltung, Gemeinderat, Jugendgemeinderat und Umweltverbänden. Ziel des Preises ist es, nachhaltiges Handeln sichtbar zu machen und neue Initiativen zu fördern.